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Michael Laudrup-Fan
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Nietzsche hat, glaube ich, irgendwann einmal geschrieben: "Der Christ...der Jude noch einmal, zweimal selbst". Entsprechendes scheint mir für TEMPO und die Neue Linke 1968 ff. zu gelten. Mag ja sein, daß die "Macher" des Blatts entschlossen waren, mit den abgeschmackten Seiten der linken Subkultur, die sich im Gefolge von Achtundsechzig herausgebildet hatte, zu brechen. Aber so subjektiv aufrichtig, wie dieser Vorsatz gewesen sein mag; im Grunde dokumentieren die Zeitschrift und das Milieu, dessen Sprachrohr sie war, doch einfach nur die Wandlungen des rührigsten, umtriebigsten Segments der linken Lumpen-Intelligentsia in den 80er Jahren - Matthias Horx scheint mir dafür das beste Beispiel. Man warf alle sichtbaren Kennzeichen des zunehmend gealterten und unattraktiv gewordenen Milieus über Bord, konservierte aber das, was auf Englisch die "leftist sensibility" heißt. Einerseits hatte man mit manchem, was im Zentrum des linken 70er Jahre Bewußtseins gestanden hatte, mit dem ganzen linken Politizismus, nichts mehr am Hut (dem Realsozialismus, der Revolution, dem sexuellen Puritanismau, der Lustfeindlichkeit allgemein), andererseits schossen auf den Seiten des Magazins einige der unerfreulichsten Phänomene der bundesdeutschen link(sliberale)n Mentalität - etwa die Inländerfeindlichkeit - nur umso üppiger ins Kraut. Von heute aus gesehen, scheint der Bruch mit der 68er Kultur halbherzig und unvollständig, oder anders gesagt: Der laue Linksliberalismus, der als Rückstand von 1968 die veröffentlichte Meinung und das Durchschnittsbewußtsein der jüngeren Westdeutschen beherrscht, wurde von Zeitgeist- und Lifestyle-Journalisten lediglich renoviert. In gewisser Weise brauchte man nur die Entwicklung des linken und linksalternativen Spektrums in den 70er Jahren durchzustreichen und auf die eigentliche Revolte des Jahres `68 zurückzugehen. Um ihre idealistischen Motive und ihren intellektuellen Überbau reduziert, scheinen mir das Jahr 1968 und seine Protagonisten für ein Projekt wie TEMPO genuine Anknüpfungspunkte zu bieten. Nicht in ihrer Ideologie, ihren subjektiven Absichten und ihrem Selbstverständnis, wohl aber in ihrer Mentalität, in ihrem ganz empirischen So-Sein als Alltagsmenschen, nahmen die 68er in ihrer Mehrzahl ihre Nachfolger, die hyperindividualisierten Ich-Menschen der 80er und 90er Jahre, in vieler Hinsicht vorweg. Ein Beispiel: Sie werden sicherlich bemerkt haben, wie sehr sich in den letzten 10 Jahren die Wahrnehmung des raf-Terrorismus verändert hat. Unter dem unmittelbaren Einfluß des sog. "deutschen Herbstes" wäre niemand auf die Idee gekommen, sie so zu sehen, aber in der Wahrnehmung einiger Nachgeborenen erscheinen die raf-Terroristen als hip, cool, leicht und sexy - als Stilikonen, mit einem Wort. Und diese Sichtweise - mag sie auch unhistorisch sein - kommt nicht von ungefähr. Der bundesdeutsche Linksextremismus ist heute in vielen seiner Derivate (und zwar bis in die Nachwuchsorganisationen der Linkspartei hinein) seinerseits so stilbewußt, hedonistisch, versnobbt, zynisch und elitär geworden, daß er wohl keine Probleme hätte, vor den Augen der 80er Jahre Zeitgeist-Journaille Gnade zu finden.
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Oct 2, 2011